Donnerstag, Oktober 27, 2005

"...ein Platz zum Atmen..." in: Der Anwalt und sein Gast. Teil 2. Porträt Christian Weller ( Heino Ferch ). Regie: Thorsten C. Fischer. 2002 - 2003










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"...ein Platz zum Atmen..." in: Der Anwalt und sein Gast. Teil 2a. Porträt Christian Weller ( Heino Ferch ). Regie: Thorsten C. Fischer. 2002 - 2003

Text: ignazwrobel

Vor der Szene 1

Christian Weller übernimmt den Fall Frank Karmann.

Wir erfahren von der Staatsanwältin: Der gesuchte Mörder der drei Frauen hatte mit einem Tranchiermesser vierzig, fünfzig Mal zugestochen.

Karmann sitzt in Untersuchungshaft.

Der Besuch des Anwalts in Karmanns Zelle vermittelt uns ein Bild des Tatverdächtigen als Borderliner. Foto Frank Karmann

Der Mann ist schon älter, um die Fünfzig. Bei psychischer Belastung regrediert Karmann scheinbar immer wieder unkontrolliert in Infantilität, ein typisches Verhalten für vereinsamte Menschen.

Er scheint extrem unangepaßt zu sein, seine Frisur ist ein eigenartig rundum abeschnittener Fransenvorhang, der ganze Körper ist über und über mit gekurvten Strichen tätowiert, schlechte Zähne, tiefe Falten, Gesicht aufgequollen, eine Narbe auf der Wange – wohl Spur früherer Schlägereien.

Karmann hatte keine Alibis zur Tatzeit der drei Morde und war beim letzten Mordfall nachweislich in unmittelbarer Nähe des Tatorts.

Außerdem ist Karmann ist vorbestraft. Er war vor acht Jahren in eine Villa eingedrungen, hatte dort die Frau des Hauses in seine Gewalt gebracht und ihren Mann zur Bank geschickt, um Lösegeld zu holen.

Karmann ist erst unlängst wieder entlassen worden, das heißt, er ist gegenwärtig mittellos, arbeitslos und ohne ein Netz sozialer Beziehungen.

Weller, der routiniert, leise und präzis arbeitet, findet schnell heraus: Die Staatsanwaltschaft hat irgend jemand geschnappt, um der alarmierten Öffentlichkeit zu demonstrieren, dass die Polizei an dem Fall dran ist. Die Staatsanwaltschaft hoffte auf einen Zufallstreffer.

Gegen Karmann ist also kein ausreichender Tatverdacht zu erhärten.

Karmann wird frei gelassen.


Die Szene: „Ein Platz zum Atmen.“

Die Hospitantin der Märkischen Allgemeinen klingelt bei Wellers Bauhaus-Stil-Villa an der Tür. Sie will einen neuen Termin vereinbaren. Weller läßt sie herein.

Wahnsinnshaus, sagt die junge Frau, direkt am See!

Soll ich ´s Ihnen zeigen? …. Gut! Endlich wieder Haus zeigen. Haus Zeigen ist nämlich meine Lieblingsbeschäftigung! sagt Weller mit einem Hauch von Selbstironie.

Er und die junge Frau besichtigen das Areal, auch das romantische reetgedeckte Bootshaus am Privatufer des Sees, das zum Gelände der Villa gehört.

Das Bootshaus – es soll für Wellers Frau ein Malatelier werden – ist im Moment noch unrenoviert und vollgestellt von Möbelrelikten der Vorbesitzer.

Juliette ist begeistert:

Ein Platz zum Atmen!

Weller, der Pragmatiker, wird aus seiner Faktenwelt herausgerissen. Die Hospitantin irritiert angenehm sein Fahrwasser.

Zum Atmen?

Er versucht, das Gesagte irgendwie zu sortieren, hat Probleme mit soft facts, Stimmungen.

Ja, sagt die Hospitantin mit den sanft glänzenden lyrisch beseelten Wahnsinnsaugen.

Zum Atmen.
Frau Weller, die schöne große schwarzhaarige Brillenträgerin mit der prägnanten Nase, -die wir anfangs bereits kennengelernt haben,- kommt dazu.
Weller stellt die beiden Frauen einander vor

Juliette Roland – (und , wir hören es am Tonfall: sehr stolz und zutiefst solidarisch mit seiner Gefährtin: ) Katja, meine Frau.

Als Katja wieder ins Haupthaus zurückgegangen ist, entdeckt Juliette eine alte Truhe.

Hellblau, abgegriffen, altmodisch, mit kleinen naiven Bildmotiven bemalt. Juliette ist von der Truhe so angezogen, dass sie hingeht und mit der Hand fast zärtlich darüber streicht.

Weller: Die ist noch von meiner Mutter.

Die Truhe ist viel mehr als nur ein abgestelltes Möbelstück.

Sie ist eine Verbindung zu Wellers Mutter, sie spricht in ihrer zarten hellblauen Naivität mit den kleinen Bildern darauf eine leise Symbolsprache über das Wesen seiner Mutter und auch über Wellers Beziehung zu ihr.

Sie muss sehr eng und zärtlich gewesen sein.

Er sagt nicht

Die ist noch von meinen Eltern.

Nein, die Truhe ist von der Mutter.

Die Truhe passt zwar nicht mehr in die aktuelle elegante moderne stilistisch hoch verfeinerte Welt von Wellers Gegenwart,
aber sie ist da,
in Wellers Nähe,
im Alten Bootshaus,
das im Stil romantisch, natürlich, ländlich, ist.

Dort hat die Truhe ihren richtigen Platz.

So eine hat man sich als Kind immer gewünscht. So ne richtige Schatztruhe!
sagt Juliette.

Weller weiss es noch nicht.
Auch Juliette, die nicht im Geringsten berechnend ihre Weiblichkeit ausspielt, sondern nur einfach ist, wie sie ist, weiß nicht, dass beide gerade einen Weg gehen, der sie zu nahe aneinander führen könnte.

So nahe, dass Weller, - kommt nur noch eine irritierende Belastung in der Beziehung zu seiner Frau hinzu- seine Solidarität mit seiner Frau nicht hundertprozentig bewahren kann.

Warum? Juliette ist nicht nur schön, sie hat im Wellers Unterbewußtsein Hochpersönliches berührt.
Sie hat seine Mutterbeziehung positiv und freundlich angesprochen.
Sie hat die Truhe gestreichelt.

Juliette hat an der Eingangtür zu Wellers Unterbewusstsein, ohne es zu wissen, das richtige Passwort genannt.

Die Türwächter des Unbewußten haben es registiert und die Abwehrwaffen sinken lassen.

Juliette hat, - und das ist gefährlicher als körperliche Attraktivität- jetzt Zugang zu den Räumen seines Herzens.

Wir sehen es auch an seinem Blick. Jeder offizielle Beiklang ist daraus verschwunden. Seine Stirn ist offen und frei, die Augen berechnen nichts mehr. Sein Bewußtsein hat das geknackte Passwort nicht bemerkt.
Dazu kommt: Juliette bewundert Wellers moralisches Werteraster, seine Arbeit. Das hat sie mit ihrem Artikel in der Märkischen gezeigt.

Und: sie ist neugierig auf ihn. Sie stellt ihm – im Rahmen des Interviews, das ja immer noch nicht fertig ist – Fragen, die nicht, so Christian Weller:

….in den Fragenkatalog eines seriösen Interviews gehören.

Wir sehen Juliette und Weller aus der Vogelperspektive in der Totalen, als sie über den Platz beim Gerichtsgebäude gehen. Weller beantwortet ihre Frage:

Pink Floyd natürlich und die frühen Genesis aber noch mit Gabriel. Kopfhörer auf, aufs Bett legen… träumen. Ihre Generation nennt das heut wohl : chillen.

Träumen – von was? fragt Juliette.

Na, dass man ein toller Hecht ist, die Welt rettet und alle schönen Frauen haben kann. ..

Und heute träumen Sie nicht mehr?

Wozu? Ist doch alles wahr geworden!

In diesem Gespräch hat er sich schon viel viel weiter geöffnet, als nötig. Juliette und er sind bereits tief in persönlichen Themen.

Er merkt noch nichts.

Die Faszination von Juliette inkubiert noch.

Die Krankheit könnte, bei ausreichender Immunabwehr, besiegt werden.

Aber Frank Karmann wird diese Immunabwehr zerstören.

Er nistet sich bei Wellers ein. Er wird Wellers Frau von Christian wegtreiben.
Warum? Mit welchen Auswirkungen?




2002- 2003 Heino Ferch – Christian Weller, Marie Zielcke – Juliette Roland, Götz George – Frank Karmann, Claudia Michelsen- Katja Weller.


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