Montag, August 11, 2008

Filmszenen I ...na Du Sackratte!?...Teil 3. in: Reise hinter den Spiegel. 1989

Teaser Film Reise hinter den Spiegel, 1989. Regie: Wolf Vogel

Bildquelle und Bildrechte bei Produktionsgesellschaft und Fernseh-Sender. 1988-89

...na, Du Sackratte??..Teil 3. in: Reise hinter den Spiegel. Regie: Wolf Vogel, 1989


Die Szene

Grünes Licht. Eine Art Schacht. Nicht hoch genug, um aufrecht zu gehen. An der Decke laufen Stromleitungen entlang.

Ein Mann stürzt herein, wie gejagt, arbeitet sich von uns weg nach hinten - läuft, fällt fast, läuft. Dort ist eine Eisentür. Sie verwehrt ihm den weiteren Weg.

Der Mann ist ein vielleicht zweiundzwanzigjähriger Türke , schlank, schwarzes Haar, rasiert, dünne Lederjacke, Stoffhosen, weißes Hemd, ist ihm in der Hast aus der Hose gerutscht, Hemdmanschetten offen.

Wir kennen ihn schon, er kann überhaupt kein Deutsch. Gerade hat er seinen Job als Spüler verloren, dann hat ihn seine einzige Bekannte hier in Ostberlin weggeschickt, als er bei ihr Hilfe erbitten wollte.

Jetzt wird er offensichtlich gejagt, sucht hier hier Zuflucht..

Er rüttelt an der Eisentür, sie öffnet sich, - ein toter Lichtschacht. Kein Ausgang. Er sinkt mit dem Rücken gegen die Wand, atmet schwer und angestrengt nach dem schnellen Lauf.

Als er sich beruhigt hat, blickt er um sich, erblickt er einen dunklen Türausschnitt. Er geht darauf zu. Alles ist in smaragdgrünes Licht getaucht.

Im Türausschnitt, neben den abgeschabten Wänden, Schichten von Putz bröckeln ab, eine Eisentür. Ein eigenartiges weisses Zeichen ist auf das Türblatt gemalt, es sieht aus wie der Teil eines Spinnennetzes – es ist eine Wolfsangel.

Unser Mann öffnet vorsichtig und langsam die Tür. Wir stehen hinter ihm und sehen goldenen Widerschein an der kahlen Wand drinnen. Wir machen, -dicht hinter ihm,- einen Schritt in den Raum hinein.

Ruckartig und ohne die leiseste Vorwarnung schießt ein nackter Arm ins Bild. Der Ärmel einer schweren schwarzen Lederjacke ist bis über den Ellbogen hochgeschoben.
Die Hand des Armes setzt sich blitzartig wie ein böser Nackenbiss ins Genick unseres Mannes. Von drinnen tritt ein Zweiter auf ihn und uns zu, eine Taschenlampe blendet uns.

Schnitt.

Ein Raum. Kahle Wände. Fackeln brennen, stecken in Wandhaltern. Ein riesiges Weißschwarzes H ak en kr eu z auf die Rückwand gemalt.

Unser Mann wird hereingestoßen. Weicht an die Wand zurück. Zwei junge Männer drängen nach, beginnen, den Verängstigten langsam zu umkreisen. Schwarze Bomberjacken, Springerstiefel . Der eine hat blondiertes Haar, der andere trägt Schirmmütze.

Close up der Erste.

Subjektive Kamera. Wir sind der Türke.

Der Erste umkreist uns, lächelt gefährlich, reisst dabei plötzlich die Augen auf. Drohung. Er droht mit einem dumpf lauten Lachen. Kollert schadenfroh. Laut. Extrem laut. Bewußt laut. Eingeübt. Macht uns Angst.

Er öffnet den Mund. Weit. Lacht. Zeigt Zähne, Gebiss.

Unser Blick kreist im Raum, die Wandflächen und Fackeln ziehen vorbei. Wir hören ein Schnüffeln. Einer der beiden nimmt Losung auf.

Nun schau Dir diese Sackratte an….

Der Zweite zieht an unserem Blick vorbei, gefährliches Grinsen, geweitete Nasenflügel, aggressiv. Er schnüffelt erneut. Verzieht angeekelt das Gesicht.

Der Erste

Ne echte zweibeinige…

Er starrt uns ins Gesicht.

Wir treten an die Wand zurück, sehen die beiden Neonazis den Ausländer, der hier unten Asyl gesucht hat, umkreisen.

Der Zweite

Willst Dich wohl bei uns verstecken !

..bei uns…

Der Erste und Der Zweite spielen sich drohendes Auflachen zu.

…haha!!..

Wir sind wieder der Türke.

Wieder umkreisen uns die Gesichter der Beiden. Der Erste lächelt. Nur in seinen Augen liegt die Lust auf Grausamkeit, sein Gesicht ist entspannt, locker.

Der Zweite senkt den Kopf, starrt uns von unten her an. Schwarze böse Augen.

…wenn Du wüsstest, wo Du hier hingeraten bist…, Du würdest nicht so hier rumstehn…

Der Erste zum Zweiten, aggressiv lustvoll:

..hast Du schon mal so ne große Sackratte gesehn???

Das Karussell stoppt. Der Erste bleibt vor unserem Mann stehen. Dicht. Ein Augenblick passiert nichts.

Dann schießen die nac kt en Arme des Neonazi nach vorne, packen den Türken und reissen unseren leichten Mann,- er ist dünn wie ein Blatt Papier – mit einem Ruck sich an die Brust.

Der Neonazi blickt von oben herab auf unseren Mann. Der wehrt sich überhaupt nicht. Der Neonazi scheint ihn irgendwie zu würgen. Wir hören, wie die Lederjacke des Gepackten leise knirscht, als würde sie immer mehr zusammengezerrt.

Der Erste wartet, kostet seine Macht aus. Fängt an, zu grinsen.

..na, Du Sackratte...?

Plötzlich ein Schrei. Wir glauben zuerst, der Schrei soll den Türken einschüchtern.

Dann Halbtotale. Der Erste Neonazi krümmt sich. Der Türke hat ihm das Knie in den Unterleib geschlagen. Jetzt rennt er weg, versucht zu fliehen. Der Zweite setzt ihm sofort nach.

Draussen im Gang. Schmal, grünes Licht. Tausend Türen dicht nebeneinander, eine Aufzugtür. Der Türke rennt bis zum Wandende. Dort ist aus. Blickt zur Seite, sieht einen Durchgang, verschwindet schnell.

Der Zweite Neonazi wird vom Ersten, - er hat sich erholt, - erreicht. Beide bleiben stehen, der Erste fasst den Zweiten an den Schultern. Eine Geste: Warte, den kriegen wir noch.

Schnitt.

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1989 - Rollennachweis. a.a. O.

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Kommentar:

Die beiden Neonazis werden den Türken bis zum Tod quälen und foltern. Das ist - um es gleich zu sagen - der Fortgang und das Ende der Sequenz. Die Sequenz ist aus einem Film. Der Film ist Erfindung, Fiktion. Aber die Fiktion wurde 23 Jahre später Realtität:

2002 quälten drei Neonazis, Marco, Sebastian und Marcel, in Potzlow einen 16jährigen Jungen, Marinus, bis zum Tod. Alle drei Folterer hatten vorher seit ihrer Kindheit jahrelange schwere Gewalteinwirkung am eigenen Körper durch Verwandte und Bekannte erlebt.

Der Dokumentarfilmer und Autor Andres Veiel hat sich der anstrengenden Arbeit unterzogen, uns den Fall zu schildern. Als Film: Der Kick . Als Dokumentarisches Theaterstück: Der Kick. und als Buch mit Hintergrundinformationen . Hier das Film-Presseheft dazu.->

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