Freitag, Juli 02, 2010

Filmszenen I …und morgen werden wir – weiter arbeiten! Heino Ferch - Volmar. in: Vision. Regie: Margarethe von Trotta 2008- 09


Bildquelle und Bildrechte: Concorde Filmverleih


Vor der Szene


…und morgen werden wir – weiter arbeiten!


Sagt Hildegard, nachdem die Fertigstellung des ersten Bandes ihrer Visionen im Kloster gefeiert wurde. Zehn Jahre lang hat sie ihre Gesichte Volmar und anderen in die Feder diktiert.


Bildquelle und Bildrechte de.wikipedia.org



Apropos: ...Feder diktiert…



Nun, da das wichtigste gesagt ist, kann man ja auch zu Themen übergehen, die in einem Kloster weniger dringlich erschienen. Aber es muss ja doch mal gesagt werden.


Die Szene




Im Skriptorium des Klosters. Hildegard sitzt im großen Habit an einem der Tische und diktiert Volmar. Vor ihr auf dem Tisch ein kleiner Köcher voller elfenbeinfarbener Falzbeine.


Volmar ist der einzige Mann im Kloster, er ist Priester und Seelsorger der Nonnen. Das heißt, er darf die Heilige Messe lesen und alle Sakramente durchführen, wie Taufe, Beichte, Krankensalbung. Als ihr Intimus hat er jederzeit Zugang zu Hildegard.


Hildegard denkt konzentriert nach, sieht ins Nichts, vor sich hin, diktiert:


Es gibt nun Männer von einer besonderen männlichen Geschlechtskraft.


Der Geschlechtswind, der sich in den Lenden dieser Männer aufhält, ist mehr


… feuriger als windiger Natur….


Ihm beigegeben sind zwei …



Ihre Handbewegung sagt uns, dass sie sich noch nicht ganz im Klaren ist, welche Worte das Gemeinte am besten beschreiben.


…zeltartige Gebilde,

die den Stamm aller männlichen Kräfte umgeben ….


Ihre Handbewegung wird entschlossener.


..und aufrichten.


Jetzt sucht sie Blickkontakt zu Volmar und erklärt die Parenthese für Volmar als Parenthese.


..So baut man ja auch kleinere Gebäude als Bollwerke um einen Turm.


Sie konzentriert sich wieder, bleibt aber im Blickkontakt mit ihrem Schreiber.


Hildegard:


Sobald der Samen an seine Stelle fällt, nimmt das weibliche Blut ihn mit allem Verlangen seines Liebesvermögens in sich auf..


Ihre Hände heben sich, als zögen sie etwas.


…saugt ihn in sich hinein.

..Gleichsam…

Wie ein….


Sie behält Volmar im Auge, als wolle sie sehen, ob er versteht, was sie meint.


..Atemzug etwas in sich hinein schlürft.


Die Lösung rückt näher, Hildegard expliziert:


..und auf diese Weise vermischen sich weibliches Blut und männlicher Samen.


Fertig. Besser hätte es Nina Hagen auch nicht erklären können. Erstaunliche Sachkenntnis.


Langsamer Schwenk von Hildegard durch den Raum, hin zu Volmar.


Volmar sitzt relativ erstarrt am Schreibpult. Vor ihm auf hoch aufgerichtetem Halter eine lange brennende Kerze.


Über die Schulter blickt er zu Hildegard. Hält er die Luft an? Jetzt blinzelt er einmal. Wirkt fast ratlos. Er hat gar nichts aufgeschrieben. Seine – Feder – (Verzeihung, er hat einen Griffel in der Hand. Mist, auch nicht besser. Also: ) Der. Der Schreibgriffel in seiner Hand schwebt in der Luft.


Endlich kommt Bewegung in ihn, seine Rechte beschreibt eine offen fragende Geste, was den Schreibgriffel fast unsichtbar in der Handfläche verschwinden lässt.


..und – wie möchtest Du dieses Buch nennen?


Wir hören aus dem Off sofort und ohne Nachdenken:


Liber subtitlitatum diversarum naturarum creaturarum.


Klar.


Würden wir auch so nennen.


Das Buch über die verfeinerte Natur der verschiedenen Lebewesen.


Volmar lässt die Hand sinken, zögert einen Moment, nickt.


Und wärmt dann den Schreibgriffel in der Kerzenflamme. Er wird in die bereit gelegte Wachstafel schreiben.


Die Tafel liegt auf hohem Schreibpult auf. Er hebt den Arm, der Griffel schwebt einen Moment über der Tafel – seine Mundbewegung zeigt uns, dass er fest entschlossen ist, diesen äußerst delikaten Text jetzt und hier todesmutig in Angriff zu nehmen.


Schnitt.


Nach der Szene - the rest of the story


Volmar wird noch viele Texte Hildegards in Angriff nehmen.


Die beiden werden nebeneinander und gemeinsam alt. Noch im hohen Alter mit weißgrauem Haar und Bart wird Volmar Hildegard begleiten, als sie ihr Wille aus dem Kloster hinaus in die Welt schickt. Sie geht auf Predigerreise.


Im den siebziger Jahren des 12. Jahrhunderts für einen Mann bereits ein lebensgefährliches Unterfangen, wie viel mehr dann erst für eine Frau….


Hildegard von Bingen stirbt 1179 eines natürlichen Todes.



Heino Ferch (im Alter von 45) – Volmar, Barbara Sukowa – Hildegard von Bingen