Montag, Oktober 26, 2009

Filmszenen I ...verdammt, jetzt wird´s ernst...Teil 2.in: Die Geisel. Autor: Brendan Behan. Heino Ferch - Leslie, Aufführung Wiener Burgtheater, 1995

Bildquelle und Bildrechte bei waldorfschule-evinghausen.de

Vor der Szene


Im Aufenthaltsraum des Bor d ell s geht es hoch her. Die eigenartigsten Gestalten sind dort untergekommen - ein Mann in Kilt mit Dudelsack, der Musjö genannt wird und sich für einen General hält, kommandiert die Bewacher der Geisel Leslie herum.


Teresa, die blutjunge Bedienerin, eine entflohene Waise, verliebt sich immer mehr in Leslie, bietet ihm sogar ein Beilager an. Beide imaginieren, als sie einen Moment allein sind, wie schön es wäre, wenn sie Hochzeit feiern würden.


Die Situation für Leslie verschlechtert sich.


Leslie:


Das ist die Abendzeitung. „Die Regierung von Nordirland hat eine Verlautbarung veröffentlich, daß sie keine Veranlassung sieht, den zum Tode verurteilten Jugendlichen zu begnadigen.“ Und hier, ich steh auch drin. Der „Soldat Leslie Allen Williams“ – das bin ich – seht euch das an.


(..)


Verdammt, jetzt wird´s ernst… (liest) „In einer Verlautbarung, die heute allen Redaktionen und Presseagenturen zuging … er ist als Geisel gefangen genommen worden..“ Die Geisel, das bin ich. „Wenn er hingerichtet wird, so erklärt die Irische Republikanische Armee, dass der Soldat Leslie Allen Williams als Vergeltungsmaßnahme erschossen wird… erschossen wird.“ (zu allen )


Heißt das die wollen mich wirklich erschießen.


Muleady:


Ich fürchte, ja


Leslie:


Aber warum?


Musjö:


Sie sind unsere Geisel.


Leslie:


Ich hab doch nichts getan.


Hauptmann:


Es ist Krieg.


Leslie:


Und keiner von euch würde mich laufen lassen (alle verdrücken sich ) Sauhaufen


(…)


Leslie:


Ich bin also Kriegsgefangener.


Pat:


Ja.


Leslie:


Schön, aber einen Kriegsgefangenen darf man nicht erschießen.


Pat:


Wer redet denn von Erschießen?


Leslie:


Aber warum schreiben sie´s denn in der Zeitung?


Pat


Alles Bluff. Mensch hast du hier nicht alles, was dein Herz begehrt? Ne Flasche Bier und ´ne Freundin, die dir jeden Trost schenkt, den du dir wünschen kannst.


Leslie:


Ja, aber nur solange, bis sie den Kerl in Belfast gehängt haben. Dann geht für den armen Williams der Vorhang runter und sein Wochenendurlaub ist fällig.


Pat


Das ist doch alles nur Bluff und Propaganda. Sie werden die höchstens für ein paar Tage hier festhalten.


Meg


Vielleicht wird er noch in letzter Minute begnadigt.


Leslie:


Wer? Ich ?


Meg


Nein, der Kerl oben in Belfast.


Leslie:


Hoffentlich.


Pat


Die britische Regierung wir sich noch mal überlegen, jetzt wo sie wissen, daß wir dich haben.


Freiwilliger (Leslie´s Bewacher).


Wenn unser Märtiyrer in Belfast stirbt, wird der Engländer umgelegt.


Später Leslie und Teresa sind allein.


Teresa


Leslie!


Leslie


Ja


Teresa


Der Hauptmann wird gleich zurück kommen.


Leslie


Schön... und was willst Du?


Teresa


Sei doch nicht so eklig - ich wollte dich nur sehen.


Leslie


Ja, dann guck noch mal richtig hin.


Teresa


Was hast du denn? Ich wollte doch nur mit Dir reden.


Leslie


Viel Zeit dazu hast du ja nicht mehr, wenn ich erst mal ein Loch im Kopf hab, dürfte mir das Reden schwer fallen.


(…)


Komm mal ans Fenster und guck raus. Siehst du den Mann hinten an der Ecke? Und den da drüben an der Tür?


Und da sind noch mehr Idioten, die mich bewachen.


Teresa:


Die Jungens werden dir nichts tun. Pat hat mir gesagt, dass sie dich nur ausfragen wollen, um den Engländern Angst einzujagen wegen dem Jungen in Belfast.


Leslie


Ach, Pat, der wird dir die Wahrheit sagen oder mir. Wenn du wirklich Mitleid mit mir hast, dann könntest du die Polizei rufen.


(…)


Leslie bemerkt, dass seine Überlebenschancen sinken. Wird der irische Junge von der Englischen Regierung in Belfast gehängt, dann werden diese irischen Patrioten hier in diesem Bor d ell ihn, die englische Geisel, einfach töten. Die Polizei zu alarmieren, ist Leslie´s letzte reelle Chance, die Situation zu überleben.


Aber Teresa weigert sich. Sie ist irische Patriotin.


1995 Heino Ferch (im Alter von 32) – Der Soldat Leslie A. Williams, die Geisel; Robert Mayer – Pat Dillon, der Vermieter und Irische Veteran, Sabine Orleáns – Meg Dillon, seine Frau, Tamara Metelka – Teresa, das Hausmädchen, eine entsprungene Klosterschülerin.


- - -


HF war ja für "Das Leben ist zu lang" mit Dany Levi in Italien beim Drehen. Wir sind gespannt, ob er in einem Interview mal erwähnt, welches Projekt er eigentlich damals am Theater zur Mailänder Scala begleitet hatte.


- - -

semi offtopic Notiz


Die alten Milchkannen.


Wir haben uns immer gewundert, warum in "Entführt" während Targensee den Weg finden muss, für den Handyaustausch diese alten Milchkannen ins Bild gesetzt werden. Diese Milchkannen gibt es seit vielleicht fünfzehn Jahren nicht mehr. Heute sehen sie so aus:


oder zumindest so:


Solche alten Kannen wie in "Entführt" gezeigt, stehen auch für Touristen nirgendwo in der Landschaft. Sie sind "falsch".


Richtig allerdings waren sie noch 1996, als der Film "Es geschah am hellichten Tag" gedreht wurde, in dem hf den Verdächtigen Lederer spielte.


In Es geschah kommt eine ganz ähnliche Filmsequenz vor: Der Protagonist, der Kommissar, versucht, auf dem Lande eine bestimmte Stelle zu finden, die ihm vorher beschrieben wurde. /

Entführt: Der Kommissar und Targensee versuchen in der Szene eine bestimmte Stelle zu finden, die ihm beschrieben wird.


Hellichten Tag: Das Auto hält. Halbtotale an Wegabzweigung.

Entführt: Das Auto hält Halbtotale an Wegabzweigung.


Hellichten Tag. Der Protagonist geht an vier aufgebockten genau solchen alten Milchkannen vorbei. Sie werden uns visuell serviert. Sie sind im Zusammenhang mit dem entführten und getöteten Mädchen wichtig. Ohne die Kannen hätte der Protagonist den Weg zum Ziel nicht gefunden.


Entführt. Wir beobachten, wie Targensee in Halbtotale die Handys in und aus den Milchkannen wechselt.Die Milchkannen sind im Zusammenhang mit dem entführten Mädchen wichtig. Ohne die Kannen würde der Protagonist den Weg zum Ziel, dem Übergabeort, nicht finden.


Sechs Dinge stimmen überein:

Die Motivation: in beiden Filmen wird etwas zu finden gesucht, was beschrieben worden war / wird.

In beiden Filmen fährt der Protagonist über Land, beide Male in Bayern.

In beiden Filmen hält er an einer Wegabzweigung.

In beiden Filmen werden uns die Milchkannen visuell deutlich "serviert".

In beiden Filmen geht es um ein Kind, ein Mädchen. In Hellichten Tag um die kleine Moser, die hier immer zu den Kannen kam, in Entführt um die kleine Targensee-Enkelin.

Beide Protagonisten versuchen ein Kind, ein Mädchen, zu retten. Hellichten Tag Annemarie und die Mädchen, die der Mörder noch finden wird, in Entführt die kleine Targensee.


Zu viel Übereinstimmung für einen puren Zufall. Es ist eine ganz dezidierte Erinnerung nötig, um diese Parallele in den Film hineinzuschreiben, sie samt aller Handlungsmotive so parallel zu inszenieren. H.H. hatte diese Erinnerung bestimmt nicht. Aber H.F. Wer hat also diesen Film geschrieben?


- - - offtopic

Kleine Trouvaille am Rande.

Der Großpapa von HFs Tochter Louise hat zusammen mit einem Kulturhistoriker der mit unserer Frau Glaser namensgleich ist, ein Buch herausgegeben: Glaser, Hermann; von Pufendorf, Lutz; Schöneich, Michael: so viel Anfang war noch nie. Deutsche Städte 1945 - 1949. Berlin, Siedler, 1989