Donnerstag, Oktober 15, 2009

Filmszenen I …glaubst Du immer noch, dass ihr die unter Kontrolle kriegt?...in: Cabaret. . Regie Bob Fosse, 1972


Sally und Brian (Liza Minelli und Michael York)
Bildquelle und Bildrechte bei www.michaelyork.net

Filmszenen I …glaubst Du immer noch, dass ihr die unter Kontrolle kriegt?...in: Cabaret. Liza Minelli – Sally Bowles, Fritz Wepper – Fritz Wendel. Regie: Bob Fosse, 1972


Story Line englisch->


„Much more that just a terrific musical, Cabaret delves naturally into the politics surrounding Hitler's rise to power. In Berlin, 1931.“


Story Line Deutsch->


"Life is a Cabaret" im Berlin der verlöschenden Weimarer Republik, bevor der Nazi-Terror die deutsche Hauptstadt mit Parolen und blanker Gewalt überzieht. Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung bricht ein Sturm los, den niemand wahrhaben will...


Vor der Szene


Hören statt Lesen Audio.mp3 -> zum Soforthören


1931, Sally Bowles, sie träumt von einer internationalen Karriere und singt im Berliner Kit Kat Club, wohnt in einer Pension, in der auch ihr englischer Freund Brian (Michael York) Unterschlupf gefunden hat, und sich hier als Englischlehrer für den Geschäftsmann Fritz Wendel (Fritz Wepper) über Wasser hält.


Sally und Brian lernen den jungen Baron Maximilan von Heune kennen, der beide aushält. Die drei haben eine schöne Zeit miteinander, man genießt das Leben mit Champagner, Kaviar, Abendeinladungen, Bootsfahrten, Picknicks - und eines Nachmittags fahren Sally, Brian und Max in Max´ riesiger Limousine ins Grüne, zu einem Biergarten am Waldwirtshaus. Sommerstimmung, Biergarten-Blasmusik.



Bildquelle und Bildrechte bei ABC und Warner Home Video.


Die Szene

Wir gehen an Biergartentischen entlang. Halbvolle Glashumpen, die Sonne lässt das Bier golden leuchten.


Der Garten ist gut besetzt. Bauern, Landbevölkerung, dazwischen, in Sonntagskostüm mit Hut, Sommerfrischler aus der Stadt.


Man unterhält sich, spielt sogar Schach. Wir sind im Biergarten des Wirtshauses Waldesruh, ein Bild sonntäglichen Friedens. Bayerische leichte Blasmusik von einem kleinen Tribühnenpodest.


Schnitt.


Nah der Tisch von Brian und Max. Sally ist noch im Auto. Sie muss noch etwas Schlaf nachholen.

Max ist perfekt gekleidet wie ein Gentleman, inklusive Krawattennadel. Er trinkt natürlich nicht das Plebejergetränk Bier. Vor ihm steht ein Viertel Weiss.


Max:


Sally ist ein reizender Kerl. Aber ich muss zugeben, ich finde es auch ganz erholsam, wenn sie ein Nickerchen macht.


Max lächelt seiner Erinnerung an Sallys Redeschwall hinterher, sucht gleichzeitig sein Zigarettenetui. Er findet es nicht. Er kann es nicht finden, denn er hat es in einer kleinen Aufwallung von Freundschaftlichkeit vor einigen Tagen Brian geschenkt.


Brian zückt das schwere massivgoldene Etui, das weit mehr wert ist, als Brian in einem Jahr verdienen könnte. Er bietet Max eine Zigarette an. Max erinnert sich, ach ja… Beide lächeln, Brian gibt Feuer.


Ihren Blicken entnehmen wir ein Fragen und Antworten, ob die Freundschaft zueinander mehr werden könnte als eine Kumpelei, beide Männer bevorzugen nicht nur Frauen.


Max hebt sein Glas:


Auf Afrika?


Brian erwidert den Toast:


Auf Afrika!


Die leichte Blasmusik verstummt.


Brain setzt sein Glas ab. Wir sehen, er hat sich Max geöffnet.


Wie eine Zärtlichkeit schwebt eine einzelne Knabensopranstimme in die Szene.


Im Licht liegt die Wiese,


der Sommer war nah


Beide Männer blicken in die Richtung, aus der die Stimme kommt.


Schnitt. Very Close up das Gesicht des Sängers. Wir blicken zu ihm hoch.


Es ist ein blonder blauäugiger Junge, rosige Lippen, heller Teint, Seitenscheitel . Er hat auffällig schöne große Zähne. Weil wir unter ihm stehen, können wir ihm in den Mund sehen. Wir sehen sogar seine Backenzähne, makellos, schneeweiss.


Der Hirsch läuft in Freiheit waldein


Doch sammelt Euch alle


Ein Sturm ist nah


Zwischenschnitte zu den Zuhörern. Wir sehen ganz verschiedene Gesichter, ein junges Mädchen, eine dicke alte Frau, zwei junge Männer im Profil, sie stehen exakt so nebeneinander, dass einer wie die Kopie des anderen wirkt.

Irgendwie erregt ihr Profil mit dem stark betonten Kinn spontan ein unangenehmes Gefühl, obwohl beide nichts tun, als nur ganz ruhig zuzuhören.


Der morgige Tag ist nah


Schnitt zum Sänger. Langsam gleitet unser Blick vom Gesicht des Jungen weiter nach unten. Halstuch, Braunhemd, Koppel, Armbinde mit H ak en kreuz, Schirmmütze mit Adleremblem. Der Junge ist kein Zivilist. Er gehört zur HJ.


Das Lindengrün leuchtet


Die Blätter, sie wehn,


Sein Gold verströmt meerwärts der Rhein


Unser Blick schweift weiter zu den Biergartengästen. Frauen, Männer, Kinder, Alte, Junge, Arbeiter, Angestellte, Städter, Bauern, ein Mann mit Hut, Krawatte und weissem Hemd wirkt wie ein Journalist.


Unser Blick bleibt auf einem Mädchen mit braunen Haaren hängen. Sie hört zu. Ihre Augen wirken irgendwie verschleiert, wir können nicht genau sagen, warum uns das Mädchen unsympathisch ist. Häßlich ist es nicht.


Doch fern geht ein Stern auf,


noch ungesehen


Ein älterer Mann, sieht aus wie ein Großbauer. Er ist korpulent. Seine wasserblauen Augen schwimmen. Irgendwie wirkt er wie ein Choleriker, der im Moment gerade einmal nicht schreit. Er blickt, wie alle zum Sänger.


der morgige Tag ist mein


Ein kleiner Junge neben seinem Vater. Alle hören zu. Unser Blick wandert langsam zurück zum Sänger, streift über seine HJ-Uniform zurück zum Gesicht.


Das Kind in der Wiege


liegt selig im Schlaf


Schnitt. Totale. Der Biergarten, Lampionketten, Sonne, viele Menschen sitzen, alle blicken in eine Richtung. Hinter dem Zaun nähert sich ein Rossgespann.


Die Blüte schließt Bienen ein


Schnitt auf die beiden jungen Männer im Profil. Sie beginnen, mitzusingen.


Doch bald sagt ein Flüstern


Wach auf, wach auf..


Schnitt auf den Sänger. Er ist ins Forte gewechselt. Sein Gesicht beginnt, sich vor Anstrengung zu verzerren. Schnitt auf ein Mädchen. Es springt auf, fällt ein. Ihre Haltung wirkt wie ein Aufspringen zum Angriff. Ihre Zähne, die sie beim Singen entblößt, wie bissbereit.


Der morgige Tag ist mein


Längst singt der HJ-Junge nicht mehr solo. Die Bläsergruppe begleitet laut, immer lauter. Jetzt setzt das volle Orchester ein.


Schnitt. Blick aus tiefer Position zwischen zwei Gästen hindurch, die ebenfalls aufgestanden sind. Zuerst sehen wir nur das Baumgrün der Biergartenbäume. In diese Lücke schießen plötzlich zwei weitere Personen. Sie springen auf, nehmen Haltung an, singen mit: zwei weitere HJ-ler mit Braunhemd und Ha ken kreu z armbinde.


O Vaterland, Vaterland,


zeig uns den Weg,


Eine junge Frau im blaugetupften Kleid steht auf, singt mit. Die Musik hat durch Schlagzeug den Charakter von Marschmusik angenommen. Viele stehen jetzt. Wir haben gar nicht gesehen, wann sie aufgestanden sind, aber sie stehen.


Nur ein alter Mann bleibt sitzen. Er ist ausgemergelt, den ersten Weltkrieg kennt er aus eigenem Erleben. Wir sehen, wie er zwischen Überraschung und Abwehr schwankt, als einziger im ganzen Biergarten sein Gesicht vom Sänger abwendet. Zwischen all den Stehenden fände er, auch wenn er es wollte, jetzt auch keinen Weg mehr hinaus.


Dein Gruss soll das Wegzeichen sein,


Der Morgen kommt


Schnitt auf den Sänger. Er ist jetzt von einer Getriebenheit, die wütend wirkt, er singt so laut er kann, sein Kopf bewegt sich vor Anstrengung vor und zurück, als wolle er damit den Takt schlagen.


wenn die Welt ist mein


Der morgige Tag ist mein.


Schnitt auf das braunhaarige Mädchen, den Großbauern, sie stehen auf, einer nach dem Anderen, singen mit weit geöffneten Mündern laut mit. Ein Städter steht auf, nimmt den Hut ab, wie bei einer Zeremonie, ein HJ-Junge nah, er singt aus voller Kraft, eine Frau in den Vierzigern, singt inbrünstig, wie in der Kirche, Blick in die Menge:


Alle stehen.


Blick zur Tribüne durch die Mittelgasse aller Stehenden. Vorne in der Mitte der Tribüne steht der Sänger, wir sehen seine HJ-Uniform bis hinunter zu den Schuhen, der Junge hat Haltung angenommen. Die Musik lärmt jetzt wie der Schritt voranschreitender Soldaten. Fortissimo. Alle singen. Einzelne nah. Sie singen mit voller Inbrunst. Sogar ein vierjähriges Mädchen versucht, mitzusingen.


Der Sänger setzt seine Schirmmütze auf:


Dein Gruss soll das Wegzeichen sein,


hebt den Arm zum Hi t ler gruss.


Alle im Fortissimo, wiederholen die Liedzeile:


Der morgige Tag


Der morgige Tag


Der morgige Tag


Der morgige Tag ist mein.


Schnitt. Max und Brian am offenen Wagenschlag von Max´ Limousine. Max´Fahrer hält den Schlag auf. Brian blickt hinüber zum Biergarten. Zu Max.


Glaubt ihr immer noch, dass ihr die unter Kontrolle kriegt?


Die beiden Männer wenden sich ab, steigen ein.


Wir hören:


O Vaterland, Vaterland,


zeig uns den Weg,


Dein Gruss soll das Wegzeichen sein,


Schnitt. Totale.


Wir sehen, wie sich Max´ Limousine vom Wirtshaus Waldesruh entfernt. Im Garten die Gäste stehen, alle, singen, alle.


Das Schlußbild geht in die große Totale.


Blauer Himmel, weisse Wölkchen, grüne Wiesen, Sonne, ein kleines verträumtes Landhaus, ein Biergarten, Friede.


1971-72 Brian - Michael York, Maximilian von Heune - Helmut Griem, Sally Bowles - Liza Minelli, Fritz Wendel - Fritz Wepper.


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Offtopic: Die HJ-Uniform


semi offtopic


Installation Professor Hörl in Straubing im Jahr 2009->


Interpretationshilfe: der H it ler gr uss ist in Deutschland zu Recht verboten, nur als Parodie ist die Darstellung möglich. Gartenzwerge parodieren per se den Menschen. Wichtig ist die Bekleidung der Hörl-schen Zwerge: sie tragen nicht die historische Zwergenkleidung - sie tragen zeitgenössische Business Suits, Anzüge von modernen Geschäftsleuten.


Konstantin Wecker: Gestern hams n Willy derschlagn->


s.a. Das Urteil von Nürnberg mit Burt Lancaster, Spencer Tracy, Montgomery Clift, Marlene Dietrich, Judy Garland- >

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Kommentar:


1. Wichtig für unseren „Ikonografie“-Blickwinkel ist der Name Rolf Zehetbauer.


Rolf Zehetbauer stattete 1972 den achtfach oscar-preisgekrönten Kinofilm Cabaret aus (mit Liza Minelli und Fritz Wepper), Regie: Bob Fosse,
ausserdem mehrere Fassbinder-Filme, für uns von besonderem Interesse: Lilli Marleen und Lola, (beide 1981) , er machte das Bühnenbild für Wolfgang Petersens Das Boot (1981), für Die unendliche Geschichte,


- und für drei Joseph Vilsmaier-Filme: Schlafes Bruder, Marlene und COMEDIAN HARMONISTS.


Die Nähe von Cabaret zu Comedian Harmonists ist stark spürbar in der generellen Thematik beider Filme: Wir verfolgen das Schicksal mehrer Protagonisten auf der Bühne – und in der Erzählung des privaten Schicksals der Protagonisten - bis hinein in die identische Erfassung einer Szene:


der kirchlichen Trauung nach mosaischem Ritus. Mekudesched li.. in Cabaret: Fritz und Natalia Landauer , in Comedian Harmonists: Roman Cycowski und Mary.


2. entfällt.


3. Montage:

Film kann durch Montage von Bildern und Sequenzen eine Ebene der Subtext-Erzählung jenseits des gesprochenen Textes einziehen. In Cabaret:„Through effective application of montage, the stage routines provide a sharp counterpoint to the real-life drama.“


In Cabaret benutzt die Montage der lustigen bavaresk/deutschen Bühnen-Nummern mit dem brutalen Geschehen „draussen“ diese Technik in genialer Weise durch rhythmisierten Schnitt.


Die Rhythmik des Parallel-Schnittes folgt dem Rhythmus des lustigen Couplets auch in den brutalen zwischengeschnittenen Prügelszenen (Nazis schlagen den Kit Kat Clubbesitzer halbtot), so dass die Montage hier den Charakter eines erschreckend ironisch-sarkastischen Kommentars bekommt.


Eine zweite geniale Montagesequenz sehen wir in der vorgestellten Szene „Im Biergarten am Waldwirtshaus“, die anfängliche Schönheit der Liedmelodie und der Liedtext-Zeilen wird mit den Gesichtern der Landbevölkerung parallel geschnitten.


Zuerst erscheint es uns, als beobachte die Kamera einfach nur Leute, die Verzahnung von Hi tl er-Junge im Braunhemd, der singt, der zunehmend drängenden Melodik und Fokussierung von Zähnen.


Der Gesichtsausdruck Einzelner, der unmerklich von Blinzeln gegen die Sonne zu Fanatismus zu gleiten scheint, lässt die Szene von einem unschuldigen Sonntagnachmittag in eine massive Bedrohlichkeit umschlagen.


Leute, die gerade noch Individuen waren, mutieren – unmerklich, und das ist das erschreckende – zu fanatisiertem Mob. Musikalisch umgesetzt ist die Bedrohlichkeit durch technische Verzerrung des Tones. Es klingt, als schnitten scharfe Schwerter durch den Soundtrack oder als zischten Granaten durch den Sound.


Tonspur der Liedszene->


Genial übersetzt diese Szene mit der zunächst bestechend schönen Melodie, die immer und immer lauter und bedrohlicher wird, den Vorgang von Friede zu Fanatisierung, bis alle, alle „umgedreht“ sind.s.a. "Der Unhold"


3. Cabaret, 1972, wirkt noch in einen weiteren HF-Film hinein. Ganz deutlich erkennbar ist die Anregung für die Figur Paula Schmitt in Auf ewig und einen Tag, mit Personensplitting auf Elsa auf Aeu1T.


a. Die unverbrüchliche Hoffnung beider Figuren, Sally und Paula, es beim nächsten Mal zu schaffen, den Durchbruch zum Erfolg zu schaffen, ist identisch.


b. die äußere Aufmachung von Paula in ihrer asiatischer -Koch-Phase mit demselben Makeup, der ganz ähnlichen schwarzen Bob-Frisur und vor allem den grün-metallicfarbenen Fingernägeln ist offensichtlich.


c. die dritte prätextuelle Anleihe ist die Ménage a trois. In Cabaret Sally, Brian und Max, in Aeu1T Elsa, Jan und Gregor.


d. Elsa heißt die Frau zwischen den beiden Männern in Aeu1T, eine Elsa kommt auch in Cabaret vor. Sally besingt sie, her Girlfriend Elsa. Schön, nicht?


e. explizit wiedererkennbar eine Szene Dialog Sally mit Brian, bzw. Paula Schmitt mit Jan Ottmann. In beiden Fällen geht es um die emotionale Beziehung nach dem Beischlaf, in beiden Fällen definiert die Protagonistin den Beischlaf. in Cabaret: B...sen, in Aeu1T: f...ken.


4. Auch zu "Ghetto", 2004, mit HF in der Rolle des Jacob Gens, gibt es eine Beziehung. Cabaret, Comedian Harmonists und Ghetto legen die Erzählte Welt im Bereich Spiel auf der Bühne - Spiel im Leben an. Alle drei Filme bewegen sich im Bereich der Hi tl erdi ktatur.