Donnerstag, März 29, 2012

Filmszenen I .. Es gibt Sachen im Leben, die verstehen wir nicht... Teil 3. Baching. R.: M. Kiefersauer 2008-09



Bildquelle und Bildrechte: movienet-Film, Tellux Film und Eurovideo Filmverleih

.

.. Es gibt Sachen im Leben, die verstehen wir nicht... Teil 3. in: Baching. Regie: Matthias Kiefersauer 2008-09

Friedhof.

Dichtes Blattgrün, eine Reihe Grabsteine, bunte Blumen als Grabdekoration, vorne bei uns das schon bekannte Grab mit dem großen Kieselstein und der roten Windraderl.

Bernhard Stemmer steht davor, sieht auf „sein“ Grab nieder, so wie wir alle an Gräbern unserer Angehörigen stehen, wenn wir die Grabpflege beendet haben; die Blumen sind auch heute wieder gegossen, das Beet geharkt.

Noch ein Blick auf die Grabstelle, ein Gedanke an den Verstorbenen, dann werden wir wieder gehen.

Bernhard nah, wir blicken aus tiefer Position nach oben in sein Gesicht, ein trauriges, ein verschlossenes Gesicht.

Eine Hand schiebt sich ins Bild, legt sich auf Bernhard´s Schulter.

Die Kamera fährt etwas zurück, wir sehen den Besitzer der Hand, es ist der Benediktinermönch Bruder Johannes (Johannes Herrschmann) der Religionslehrer der Schule.

Bernhard, blickt weiter auf das Grab:


Ich kann ned weinen Johannes. Keine einzige Träne seit sie tot is.

Ich kann nicht weinen, Johannes. Keine einzige Träne seit sie tot ist.

..s´kommt einfach nix.

Es kommt einfach nichts.


Pause.

Johannes, er hat seine Hand noch immer auf der Schulter von Bernhard:


Darauf kommt´s nicht an.

Darauf kommt es nicht an.


Bernhard fährt herum, blickt Johannes fast zornig an und entzieht ihm seine Schulter. Sofort beugt er sich nieder und holt hinter dem Grabstein ein Gärtnerwerkzeug hervor, einen kleinen blauen Rechen.

Er will wohl die Erde glätten. Bernhard bleibt in er Hocke, der Rechen wandert von der Linken in die Rechte, wird aber nicht benutzt, oder nur zum Gestikulieren. Fünf scharfe Zähne des Rechens deuten auf Bernhard.


Woast…

..ich hab´oafach des Gfui, i hab ned genügend aufgepasst auf sie. …

Weisst Du,

..ich habe einfach das Gefühl, ich habe nicht genügend auf sie aufgepasst…


Bruder Johannes. Close up von unten, er blickt zu Bernhard nieder. Freundliches Gesicht.

Wir hören wie Bernhard weiter spricht.


Ich war gar ned dabei…

Ich war gar nicht dabei.


Schnitt auf Bernhard. Jetzt harkt er mit kurzen hektischen Harkstrichen auf der Erde herum.


..als des passiert is. I woa hint´n im Gart´n und bin am Grill g´stand´n.

..als das passiert ist. Ich war hinten im Garten und bin am Grill gestanden.

Aba i hab des Auto komma hean…

Aber ich habe das Auto kommen hören…


Er richtet sich auf, scheint zu lauschen, er scheint das Auto noch einmal zu hören.

Er bestätigt, was sein inneres Ohr hört. Ein Auto, das sich nähert.


..i hob´s komma hean.

Ich habe gehört, wie es näher gekommen ist.


Er denkt, schüttelt den Kopf, redet:


..und dann hat´s den Schlag doa.

Soan…

Soan dumpfen Schlag.

Und dann gab es diesen Schlag.

So einen, …einen dumpfen Schlag.


Seine Augen wandern unruhig hin und her vor dem Bild in seiner Erinnerung.

Pause.

Er schüttelt wieder den Kopf.


I wollt´ doch imma a Kind, warum hob i ned bessa aufbasst?

Ich wollte doch immer ein Kind haben, warum habe ich nicht besser aufgepasst?


Seine Frage ist drängend, drängend, zornig - gegen sich selbst und gegen alles. Er wirkt, als erwarte er von Johannes stellvertretend eine Antwort. Warum musste das passieren. Warum haben sich die Dinge so ergeben? Warum?

Bruder Johannes nah, noch immer blickt er zu Bernhard hinunter:


Du machst Di kaputt, Bernhard. Soiche Fragen bringa de ned weida.

Du machst Dich kaputt, Bernhard. Solche Fragen bringen Dich nicht weiter.


Hinter Bruder Johannes Kopf bewegen sich die großen Äste der alten Bäume mit ihren Millionen Blättern wie Wogen im Wind.

Bernhard nah, verkrampft, wütend:


Ja, was bringt mi denn weida?

Ja, was bringt mich denn weiter?


Er atmet sichtbar.


Die Liebe?

Die Liebe?


Er zuckt ungeduldig die Schultern. Wir sehen, dass ein Mann, der so sehr zornig ist über seine Situation, nicht zu Gefühlen wie Liebe fähig sein wird.

Er weiss das auch. Wieder zuckt er die Schultern.


Welche denn?

Welche denn?


Johannes langsam, aber freundlich und zugewandt trotz der harten Worte.


Mhm… Du willst imma ois kontrollian.

Mhm… Du willst immer alles kontrollieren.


Schnitt auf Bernhard. Kopf und Schultern. An seinen Bewegungen lesen wir ab, dass er wieder im Beet harkt.

Johannes aus dem off:


..aba du kämpfst gega wos wos steaka is wia Du.

Aber Du kämpfst gegen etwas an, das stärker ist als Du.

Es gibt Sacha im Lebn…die vaschdehn mia ned.

Es gibt Sachen im Leben, … die verstehen wir nicht.


Jetzt sicher und stark:


Aber sie folgen einem göttlichen Plan.

Aber sie folgen einem göttlichen Plan.


Schnitt.

Totale. Der Mönch. Die Gräber. Bernhard, der verkrampft und zornig vor dem Grab seiner Tochter kniet. Seine Linke liegt auf dem Grabstein, dicht bei Lena´s Namen.

Bernhard steht auf.


Ja, und…

Wia schaugt der aus, der Plan, füa mi?

Ja, und…

Wie sieht der aus, der Plan für mich?


Bernhard baut sich geradezu auf vor Bruder Johannes. Jetzt will er etwas Gescheites hören. Wir können das Gesicht des Mönches nicht sehen, wir verstehen, hier fragt ein Mensch direkt bei Gott an: was soll das alles?


Bildquelle und Bildrechte: movienet-Film, Tellux Film und Eurovideo Filmverleih


Der Mönch ist nur der Bote. ER sagt:


Guad.

Gut.


Bernhard schüttelt sofort den Kopf und will wegrennen.


Johannes:


Glaubmers Bernhard.

Glaube es mir, Bernhard.


Bernhard läßt den Mönch stehen und eilt über den Kiesweg davon.

2008-09 Michael Fitz – Bernhard Stemmer, Johannes Herrschmann Bruder Johannes, der Religionslehrer.