Dienstag, April 28, 2009

Filmszenen I …ich seh´Dich in meinen Träumen…Teil 4. in: Entführt. Heino Ferch - Danner. Regie: Matti Geschonneck, 2008-09

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Entführt! Fernseh-Zweiteiler 2009 mit Nina Kunzendorf, Heino Ferch, Suzanne von Borsody.

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Vor der Szene


Seit der Entführung von Lianes Mann Frank und ihrer Tochter Hannah ist vieles passiert. Frank war von den Entführern seiner Frau Liane mit durchschnittener Kehle im Kofferraum eines Autos vor die Tür gelegt worden.


Der Kindesübergabe-Termin hat schon stattgefunden. Das Geld ist in der Hand der Entführerin Marietta Lahn, das Kind wurde nicht zurückgegeben. Marietta erschoß während der Übergabe ihren Co-Entführer, den Sadisten Svensson, offenbar ihr Ex-Lebensgefährte, während Svensson auf Hauptkommissar Thomas Danner zielte.


Marietta wechselt das Versteck. Die Alte Sportarena wird getauscht gegen das Alte Bootshaus im See, das sich im Besitz von Albert Targensee befindet.


Liane geht – ohne Wissen, dass ihre Tochter direkt am See versteckt gehalten wird – auch immer wieder zum Wasser, einmal, um darin zu schwimmen, einmal, um ihre Ruhe zu haben.


Szene Liane


Sonniger Nachmittag. Wir nähern uns durch hohes Schilfgras einem Ufersteg. Wir hören Schritte und wissen, wir begleiten Thomas Danner.


Das Schilfgras gibt den Blick auf den Stegkopf frei. Dort steht mit verschränkten Armen, in langem schwarzen Jacket und Jeans, starr wie ein dunkler Pfahl, Liane. Sie blickt offenbar auf den See hinaus.


Schnitt.


Lianes Gesicht nah. Wir sehen, sie hört die Schritte, die sich weiter nähern. Vogelgezwitscher. Sie blickt wieder auf den See hinaus, wirkt angespannt, starr, verschlossen.


Schnitt. Close Up.


Liane im Profil. Neben ihr Profil schiebt sich ein zweites: Danner. Auch er im neutralen Jacket.


Er schließt sich Lianes Blick auf den See an, dann, plötzlich, ein sehr aufmerksamer Blick in ihr Gesicht.


Pause. Er wartet auf ein Erkennungszeichen.


Liane bleibt unbeweglich.


Danner


Ich hab´ mir Sorgen gemacht um Sie.


Liane starrt mit stecknadelkopfkleinen Pupillen immer noch vor sich hin. Das Halblicht zeichnet scharfe Falten zwischen ihre Brauen und um die Mundwinkel.


Hannah ist tot…


Sagt sie.


Pause.


Die Wortlosigkeit der Pause füllt sich mit unserem schnellen Gedankenwirrwarr. Nein, das ist nicht wahr, hoffentlich provoziert sie nur, sie muss doch weiter glauben, vielleicht kann er sie aufrütteln…


Liane


…und Sie wissen das auch.


Schnitt zu Danner. Er sieht Liane unverwandt, fast prüfend, an. Sagt:


Nein.


Nein, Liane, ich weiss nichts derartiges, könnte das heißen, oder Nein, Liane, ich glaube fest, dass Ihre Tochter noch lebt, ich glaube, wir finden sie.


Lianes langer Blick zu Danner scheint diese Möglichkeiten auszuforschen.


Schnitt.


Silhouette New York bei Nacht mit tausend Lichtern vom Hudson aus. Langsamer Schwenk, ein Touristenboot zieht seine Bahn.


Bildquelle und Bildrechte bei ZDF.de


Szene Marietta Lahn


Nah eine Kinderhand mit Han ds che lle. Die Hand ist an einen Bettpfosten gef ess elt. Zwei größere Hände öffnen die Sch elle. Das Handgelenk des Mädchens zeigt eine rote Spur.


Halbtotale.


Marietta Lahn ist allein mit dem entführten Mädchen Hannah im Alten Bootshaus von Albert Targensee. (Fragt bitte nicht, woher sie den Schlüssel hat. Sie hat ihn eben.)


Eine Liege, auf der das Mädchen schläft, Marietta Lahn (Suzanne von Borsody) kniet davor. Auf einem Tischlein im Vordergrund eine Wasserflasche. Die Luft ist staubig, das Das Alte Bootshaus ist mit Andenken vollgestellt.


Marietta legt den Arm des Kindes unter die graue Woll-Zudecke.


Schnitt. Marietta Lahn nah.


Sie blickt das Kind lange an.


Dann, emotional, nostalgisch traurig sehnsuchtsvoll, ihre Stimme versagt fast:


Ich seh´Dich in meinen Träumen.


Marietta Lahn, eine ehemalige Terroristin, ist der Kopf der Entführer. Wir haben sie als kühle Rechnerin kennengelernt, die hart regiert und schnell handelt. Die verbalen und handgreiflichen Zweikämpfe mit ihrem Ex, dem Sadisten Svensson, hatten sie als geübte Dompteurin einer ihr abhängigen Männer-Psyche gezeigt. (Bei Sa dis ten gibt es übrigens nur gute Dompteurinnen, die schlechten sind alle tot.)


Wir sehen Mariettas Hand. Sie streicht dem Kind eine Haarsträhne aus der Stirn, dann streichelt sie Hannah über den Kopf. Offenbar hat Marietta Lahn in den letzten Tagen und Stunden für das Mädchen mütterliche nostalgisch zärtliche Gefühle entwickelt.


Das Kind schläft.


Lahn lächelt, wie zu einem persönlichen leisen Abschied. Steht auf.


Schnitt, aussen.


Die braune Holztür mit den weissen Nuten geht auf.


Marietta kommt heraus. Verharrt, überlegt.


Sie überlegt es sich anders. Sie will das Kind mitnehmen.


Warum? Das Geld hat sie, das Kind ist wieder bei Targensee. Die Sache könnte hier zu Ende sein. Warum nur will sie das Mädchen jetzt noch mitnehmen?


Ein Range Rover hält am Ufer.


Maximilan Kessler kommt.


Wir im Alten Bootshaus dicht hinter Marietta. Sie weckt das Kind.


Los!


Sagt sie


Steh auf.


Das Kind schlaftrunken und widerwillig:


Was soll das?


Lahn


Wir gehen.


Maximilian Kessler kommt, er ist schon auf dem Steg. Das Treffen war offenbar verabredet.


Das Kind reisst sich los und rennt zu Kessler. Es drückt sich an den Mann.

Max zu Marietta über das Mädchen hinweg


Ist das Geld im Wagen?


Marietta


Ja


Hannah blickt erstaunt zwischen ihrem lieben Onkel Max und der Frau hin und her, die ihre Entführerin war. Sie versteht, dass die Beiden unerlaubterweise etwas miteinander zu tun haben.


Max


Behalt es.


Marietta, sie steht auf der Plattform des Bootshauses, hinter ihr der See und jenseitig das grüne Ufer.


Was soll das heißen?


Max


Behalt es! Ist niemand mehr da, mit dem Du´s teilen kannst.

Max wirft Hannah beiseite wie einen Gegenstand und geht auf Lahn zu.


Lahn


Dafür ham Sie ja auch gesorgt.


Max


Nimm´s als Entschuldigung.


Max kommt so nahe, dass Marietta ausweicht, beide tauschen so Plätze. Max ist jetzt näher am Wasser, Lahn näher an Land. Hannah hat sich an die Wand des Bootshauses gedrückt und starrt die beiden ängstlich an.


Very Close Up in das bewegungslose Gesicht von Marietta, dann das von Max. Sie starren sich an.


Marietta, entschlossen


Lass das Mädchen frei!


Max zu Hannah


Geh zurück in die Hütte. Los.


Hannah drückt sich an die Wand.


Nein ich will nicht.


Lahn, sehr bestimmend zu dem Mädchen, sie lässt Max nicht aus den Augen:


Du kommst mit mir.


Max nickt Marietta Lahn zu:


Viel Glück.



Als die Frau losläuft, zückt Kessler eine Beretta und schießt Marietta Lahn direkt vor den Augen des Kindes nieder.



Bildquelle und Bildrechte bei ZDF.de


Marietta stirbt am Alten Bootshaus auf dem See.


2008-2009 Heino Ferch (im Alter von 44) – Hauptkommissar Thomas Danner, Hanns Zischler – Maximilian Kessler, Andrea Sawatzki – Vera Targensee, Nina Kunzendorf – Liane Bergmann, Mark Waschke - Frank Bergmann, Johannes Allmayer – Kollege Schneider, Matthias Brandt – Entführer Svensson, Suzanne von Borsody – Entführerin Marietta Lahn, Thorsten Merten - Entführer Peter Münz, Ulrich Thomsen - Drahtzieher Dr. Albert Brand junior.

Kommentar 1:

Zur Silhouette New York bei Nacht mit tausend Lichtern vom Hudson aus Langsamer Schwenk, ein Touristenboot zieht seine Bahn. (Direkt im Anschluß an die Dialogszene Danner – Liane)


oben: Bildquelle und Bildrechte Eikon Film. unten: Bildquelle und Bildrechte bei ZDF.de


oben: Film: Jahrestage - Aus dem Leben der Gesine Cressphal 1999, unten: Film Entführt! 2009. New York bei Nacht vom Hudson aus. in beiden Fällen langsamer Schwenk mit Bewegung Touristenboot im Vordergrund.


Dieses Bild weckt im Zusammenhang mit der Rollenträgerin Marietta Lahn eine visuelle Erinnerung:


Dieser langsame Schwenk inkl. Touristenboot ist identisch mit Eingangspassage von „Jahrestage.“ Aus dem Leben der Gesine Cressphal. (Regie: Margarethe von Trotta, 1999 – 2000)


Die Hintergrundsmusik in Jahrestage zu diesem Bild ist eine klagende Frauenstimme. Die Frau singt über sich selbst und ihre Vergangenheit, ihre Erinnerung->:


Broken Memories….

tell you all forgotten…

to be forgotten..

each day…

sie ruft laut:

…remember me, remember me…


In diesem Film spricht die Hauptfigur Gesine Cressphal immer wieder mit ihrem verstorbenen Lebensgefährten Jakob.


Sie dialogisiert mit ihm in ihren (Tag)träumen, sie sieht ihn in ihren Träumen, fragt ihn immer wieder, wie sie alles machen soll. (s.a. Die Luftbrücke. Louise über ihren verstorbenen Mann: Ich rede noch immer mit ihm, frag ihn, wie ich alles machen soll….)


o.je.



- - -


Kommentar 3 : Svensson


Interessant war auch die Figur Svensson. Er ist geheimnisvoll. Er ist die Vergangenheit, die hier wieder mitspielt. Jemand hat ihn eingeschleust. Man merkt, dass Svensson Marietta´s Ex ist. Es klingt traurig, als einer der beiden, verstrickt in die hässliche Gegenwart ihres hässlichen Tuns sagt "was sind wir für ein Paar". - was für ein emotional armseliges Paar. Svensson ist nicht einfach ein Bösewicht. Da Matthias Brandt ihn darstellt, kann Svensson aus der Brandt´schen Substanz heraus nichts anderes sein als hochsensibel. Diese Sensibilität macht seine Sadomasochistische Verzerrung besonders gefährlich.


Die sadistischen Anteile lassen ihn mitleidlos sein, die masochistischen Anteile sind Schwäche, die eine Dompteurin benötigen: Marietta. Er wird als Psychopath bezeichnet. Man kann das so lesen, dass seine Handlungen nicht von objektiv nachvollziehbaren Motiven geleitet werden, Geldgier zum Beispiel, er gehorcht seinen sadomasochistischen Bedürfnissen, die die Umwelt nicht vorausahnen kann.


So ein gefährlicher Kerl soll weg. Am besten ganz weg. Marietta selbst löscht den Sadisten aus.


Semi-Offtopic:


Gian Lorenzo Bernini und der Vierflüssebrunnen.


Unlängst entdeckten wir in der Wikipedia ein Interview mit unserem Hauptdarsteller, in welchem er nach seiner Meinung zu seinem eigenen Wikipedia – Eintrag gefragt wurde.


Zitat: Jakob Buhre:


Es geht um die Online-Enzyklopädie, die von Nutzern geschrieben wird und wo über Sie und Ihre Filmografie schon Einiges zusammengetragen wurde.

Ich frage, weil Ihr Eintrag für einen Schauspieler relativ ungewöhnlich ist, dort werden viele Ihrer Filmrollen analysiert und in einen übergeordneten Zusammenhang gebracht. Zum Beispiel steht dort:


„Des Öfteren findet sich die Läuterungsthematik nach dem Saulus-Paulus-Prinzip“ oder „drehen sich die Themen seiner Filmrollen vor der Jahrtausendwende häufig um den inneren Druck dunkler Seiten des Individuums“ und „ab 2002 nehmen seine Figuren hellere Themenvarianten auf“ – sehen Sie selbst auch solche Verbindungen?


Antwort HF:


„Nein, zumindest nicht zwischen Filmen und Zeiten.“ Quelle: planet interview


Unser Kommentar:

Wie soll er auch? Der Darsteller stellt dar, der Analyst analysiert. Der Historiker analysiert im Rückblick, er fasst sozusagen die Geschichte, die die Zeit geschrieben hat, in Worte.


Würde ein Künstler, der mitten im Werkprozess steht, selbst so eine Analyse vorlegen, so wäre das wohl so ähnlich wie der folgende groteske Dialog:


Interviewerin, (die kleine Redaktionspraktikantin Giulietta vom Corriere della Roma):


Maestro Bernini, mit Ihrem Vierflüssebrunnen auf der Piazza Navona in unserer herrlichen Stadt haben Sie nun der Cittá Eterna ein weiteres künstlerisch – städtebauliches Glanzlicht hinzugefügt.


Dieser Brunnen steht ja als neuer Höhepunkt in einer Linie mit Ihren früheren Werken wie dem Raub der Proserpina, Apollo und Daphne, dem Tritonenbrunnen, und der Verzückung der Heiligen Theresa..


Antwort Gianlorenzo Bernini:


Ja, klar Signorina, ich habe nicht nur maßgeblichen Einfluss auf die auf die Entwicklung der barocken Skulptur, durch die Orientierung an den Formen der Renaissance und die Verbindung von Architektur und Skulptur, nein nach einer kurzen realistischen Phase entschloß ich mich zu einer idealistische Phase, in der für mich neben der Bildnistreue auch die Erhabenheit in der Darstellung eine große Rolle spielt. Ab heute ist für mich ein idealistischer, aber sehr dynamischer Stil typisch.


Ich bin einer der führenden Bildhauer der europäischen kunstgeschichtlichen Periode des Barock, präzise gesagt, des Hochbarock, und…übrigens, was hält die Bella Bionda, von einem kleinen Ombretto bei Paolo, gleich links neben dem Brunnen, - bei all den Flüssen bekommt man ja una sete da morir….(der weitere Verlauf des Interviews fiel leider der Zensur zum Opfer)“


Sie merken selbst, was die Selbstanalyse des eigenen Werks für ein Quark ist? Der Künstler steckt im Prozess, er schafft, er analysiert natürlich nicht.